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Invasion der Glupschaugen
oder
Vom traurigen Schicksal der erfolgreichsten Schildkröte der Welt

Hier wird die Geschichte der erfolgreichsten Schildkröte der Welt erzählt, der einzigen Schildkrötenart, die auf allen 5 Kontinenten heimisch ist, die im Weiher bei München genauso zu finden ist wie im Park von Barcelona, im römischen Tiber, als thailändische Tempelschildkröte und chinesische Suppenschildkröte: Wenn Sie irgendwo auf dieser Welt eine Wasserschildkröte in »freier Natur« beobachten können, ist es wohl kaum eine andere als eine Rotwangen-Schmuckschildkröte.

Industrielle Schildkrötenfarmen


„Kauf mich! Ich bin total süüüüüüß!”

Dabei beschied sich die Rotwangenschmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) einst mit den Sümpfen und Flussarmen des Mississippi-Tals. Doch in den vierziger Jahren kommen geschäftstüchtige Einwohner von Louisiana auf die Idee, Schildkröteneier zu sammeln, auszubrüten und als lebendiges Kinderspielzeug zu verkaufen. Die putzigen 3-cm-großen Krötenbabys mit den süßen Glupschäuglein erweisen sich als echter Renner und bald schießen die industriellen Schildkrötenfarmen in Louisiana und den Nachbarstaaten aus dem Boden. In den 50er und 60er Jahren können die Kinder an jeder Ecke Babyschildkröten zu 1 Dollar das Stück kaufen. 12 Millionen Schildkröten pro Jahr werden in jener Zeit für den amerikanischen Markt produziert (eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte). Dass man die kleinen Schildkröten zwecks Transport oder Lagerhaltung in künstlichen Winterschlaf versetzen kann, vereinfacht den Massenhandel.

Als Haustiere ungeeignet

Die Tiere, die in der freien Natur in langen Zügen den Missisippi durchmessen, werden nun zu zweit in einer 30 cm großen Plastikschüssel mit Inselchen und Plastikpalme gehalten. Diejenigen, die das erste Jahr trotz der jeder Beschreibung spottenden Haltung überleben, werden im nächstbesten Gewässer ausgesetzt. Was nämlich weder die Farmer noch die Eltern zu interessieren scheint: Rotwangenschildkröten sind als Haustiere so ziemlich ungeeignet – sie werden bis zu 30 cm groß und bis zu 4 kg schwer, erreichen ein Alter von bis zu 85 Jahren, halten mindestens 3 Monate Winterschlaf, können recht aggressiv werden – sowohl gegenüber Artgenossen als auch ihrem Halter – und verwandeln ein zu kleines Wasserbecken durch ihre Ausscheidungen im Handumdrehen in eine stinkende Brühe.

In den USA werden diese Plastikwannen inzwischen "Death Bowl" (Schüssel des Todes) genannt.

270.000 Salmonellen-Erkrankungen

Doch 1975 stoppt das amerikanische Gesundheitsministerium den Schildkrötenboom: Die Behörde zählt 270.000 Salmonellen-Erkrankungen, die auf die Haltung von Wasserschildkröten zurückzuführen sind. Die Salmonellen-Bakterien, die friedlich in Reptilien und Vögeln leben, können beim Menschen, vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern, schwere Infektionserkrankungen hervorrufen. Damit kein Kind auf die Idee kommen soll, sich ein Krötenbaby in den Mund zu stecken, verbietet die Behörde den Handel mit Schildkröten, die kleiner als 10 cm sind.

Schildkrötenbabys für 5 Mark

Da dem Babyalter entwachsene Schildkröten nahezu unverkäuflich sind, sieht es aus, als wäre dies erst einmal das Ende der Schildkröten-Massenproduktion. Doch so leicht lassen sich die findigen Farmer das Geschäft nicht verderben: Zwar dürfen die Tierchen in den USA nicht mehr verkauft werden, der Besitz, die Zucht und der Export sind jedoch weiterhin legal. So konzentrieren sich die Schildkrötenfarmer auf die Erschließung neuer Märkte: Europa, Japan und Mexiko werden mit Babyschildkröten überschwemmt und Ende der 70er Jahre verzaubern nun auch in den westdeutschen Kaufhäusern die glupschäugigen Krötenbabys die Herzen der Kinder. 5 Mark (ca. 2,60 €) müssen die Kids von ihrem Taschengeld abzwacken, um eine Minikröte mit nach Hause nehmen dürfen.


Eine Rotwangenschildkröte, wo sie hingehört

Tod unter der Plastikpalme

Wie die Geschichte weitergeht, können Sie sich denken: Ein Jahr trauriges Leben unter der Plastikpalme, danach Tod oder ab in den Weiher.

Doch Rotwangenschildkröten sind, wenn sie erst einmal dem Babyalter entwachsen sind, zähe Burschen. Selbst im viel zu kalten deutschen Schmuddelwetter überleben sie ein paar Jahre, bevor sie endgültig erfrieren oder an Lungenentzündung eingehen: Zeit genug für die Tiere, Flora und Fauna ganzer Biotope durch ihre unersättliche Fressgier auszurotten. 1994 erlässt die deutsche Regierung daher ein Importverbot für Rotwangenschildkröten.

Kinderschreck im Badesee


Schnappschildkröte: Megacoole Mini-Monster für Metal-Maniacs

Auch die gerade mal halb so große, vom Aussterben bedrohte europäische Sumpfschildkröte hat gegen die amerikanischen Einwanderer keine Chance. Als Biologen berichten, dass in Südfrankreich und Italien Rotwangenschildkröten die heimischen Sumpfschildkröten aus ihren Biotopen verdrängt haben, wird es auch der Europäischen Union zu bunt: 1998 wird ein europaweites Importverbot ausgesprochen.

(Mit der Rotwange wird übrigens auch die Schnappschildkröte mit Verbot belegt. Die Tiere wurden als megacoole Mini-Monster an die Gothic-, Punk- und Heavy-Metal-Zielgruppe verkauft und starteten nach der üblichen Entsorgung ein neues, wenn auch kurzes Leben als pressewirksamer Kinderschreck im Badesee.)

Wenn das Mini- zum Maxi-Monster wird: halbwüchsige Schnappschildkröte

Doch die Schildkrötenfarmer sind flexibel und begegnen dem Verbot mit zwei Maßnahmen. Zunächst einmal profitieren sie davon, dass Europa explizit nur die Rotwangenschildkröte Trachemys scripta elegans verbietet, also wird einfach ihre nahe Verwandte Trachemys scripta scripta (von deutschen Händlern dann analog „Gelbwangenschildkröte“ getauft) auf den Markt geworfen. Mit der Gelbwange finden weitere Arten wie Pseudemys (Schmuckschildkröten), Graptemys (Höckerschildkröten) und Sternotherus (Moschusschildkröten) den Weg von den Farmen in die Zoogeschäfte. Die Problematik ist die gleiche: Die meisten Tiere wachsen den Haltern irgendwann über den Kopf und werden bestenfalls in die vollkommen überforderten Tierheime gesteckt, oft aber einfach ins nächstgelegene Gewässer entsorgt. In Nordeuropa sterben die Tiere irgendwann, nachdem sie die einheimische Fauna und Flora dezimiert haben, in Südeuropa etablieren sich neue Populationen der amerikanischen Einwanderer.

Chinas Hunger auf Schildkröten


Kuscheltier oder Nahrungsmittel? Schildkrötenbabys in einem Laden in Hongkong

Strategie Nummer zwei der Farmer: neue Märkte erobern. Der wirtschaftliche Aufschwung Chinas in den 90er Jahren lässt bei den Chinesen – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Hunger nach Schildkröten entstehen. Millionen von Rotwangenbabys landen nun in Chinas Kochtöpfen oder werden als Glücksbringer im heimischen Aquarium gehalten (natürlich nur so lange bis sie wieder zu groß sind und ausgesetzt werden). Die Schildkrötenfarmer können nun dank der chinesischen Nachfrage wieder an ihre Glanzzeiten in den 60ern anknüpfen. Zur Jahrtausendwende werden 10 Millionen der Tierchen (das entspricht 80% der Produktion) ins Reich der Mitte exportiert.


Straßenhändler in Los Angeles mit illegaler Kröten-Ware

Derweil setzt die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) die Rotwangenschildkröte auf die Liste der 100 invasivsten Tierarten weltweit. Auch in den USA raufen sich Naturschützer inzwischen die Haare angesichts der Kröteninvasion. Ähnlich wie in Europa hat das robuste Tierchen überall empfindlichere einheimische Arten verdrängt. Gleichzeitig schlüpfen in den Farmen Louisianas erneut Millionen von putzigen Krötenbabys aus ihren Eiern , um Kinderherzen oder weichherzige Erwachsene zu bezirzen, in chinesischen Kochtöpfen zu landen oder als deplatzierter und unerwünschter Einwanderer Biotope zu zerstören – das traurige Schicksal der erfolgreichsten Schildkröte der Welt.

Zippo Zimmermann, 21.11.2007
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt!

Bildnachweis (von oben nach unten):
Jim Driscoll, Penni Janisch, Shreyas,
Doug-Brown, Tonio H., Jonathan Crowe, Hopkins Peta, Steve Schroeder

Mehr über die Geschichte der Streichelschildkröte (englisch):

Die „Concordia Turtle Farm“ in Louisiana ist laut eigenen Angaben der weltgrößte Schildkrötenproduzent (englisch):

Da die Chinesen inzwischen angefangen haben, selbst Rotwangen zu züchten, versuchen die Farmer mit Tricks das US-Verkaufsverbot zu umgehen. Auf dieser Website werden die Schildkrötenbabys nicht verkauft (was verboten wäre), sondern „zur Adoption freigegeben“ (englisch):

Auf der US-Seite von Amazon gibt’s nach wie vor die „Schüsseln des Todes” mit Plastikpalme zu kaufen:

Artikel über die Schmuckschildkröten-Invasion:

Eine ausgesetzte Schnappschildkröte hält Ober-Bayern in Atem:

Eine Rotwangen-Schmuckschildkröte erzählt aus ihrem Leben:

Rotwangen- und andere Wasserschildkröten kann man durchaus auch im Haus oder Garten artgerecht halten.
Hinweise zur Haltung finden Sie unter:

Die wenigsten wissen, dass es in Deutschland auch eine einheimische Wasserschildkrötenart gibt – die Europäische Sumpfschildkröte: